Frage: Herr Potzel, Sie haben früher als evangelischer Pfarrer viele kirchliche
Trauungen durchgeführt. Was ist Ihr Anliegen, wenn Sie heute festliche
Trauungen ohne Kirche anbieten?
Dieter Potzel: Es geht darum, dass Menschen
unabhängig von kirchlichen Ritualen eine festliche Hochzeit feiern oder
den Segen Gottes für ihre Ehe erbitten können.
Für viele ist der Gedanke an Hochzeit oder Beerdigung ja der wichtigste
oder gar einzige Grund, Kirchenmitglied zu bleiben: Man möchte
vielleicht einmal im Leben für einige Minuten eine Dienstleistung in
Anspruch nehmen und zahlt dafür ein Leben lang insgesamt Tausende,
Zehntausende oder hochgerechnet gar sechsstellige Beträge an
Kirchensteuer. Dabei stellt sich für das zukünftige Ehepaar natürlich
auch die Frage, ob denn z. B. eine kirchliche Trauung wenigstens den
inneren Wert besitzt, den man sich erhofft.
Die Trauung in oder außerhalb der Kirche ist ja
eine äußere Handlung. Entscheidend für das Gelingen der Ehe ist jedoch,
wie die Partner miteinander umgehen. Hierbei habe ich erlebt, dass
kirchliche Vorschriften zu einer Belastung für die Eheleute werden
können, z. B. wenn die katholische Kirche bei einer so genannten
konfessionsverschiedenen Ehe vom katholischen Partner verlangt, dass er
sich für die spätere katholische Taufe gemeinsamer Kinder einsetzt.
Und wenn er es nicht tut?
Es kann dann zum Problem werden, wenn die Hochzeit
in einer evangelischen Kirche stattfinden soll. Dann braucht der
katholische Partner einen so genannten Dispens ( = Erlass) von der
katholischen "Formpflicht" der Ehe, wenn er die Anerkennung seiner Ehe
seitens seiner Kirche möchte. Diesen Dispens bekommt er aber nur, wenn
er sich gegenüber seinem evangelischen Partner für die
römisch-katholische Säuglingstaufe späterer Kinder stark macht.
Andernfalls wird er exkommuniziert und riskiert damit angeblich sein
Seelenheil. Ich weiß von einer gläubigen Katholikin, die erst wieder die
Hostie empfangen durfte, als ihr als Säugling evangelisch getauftes Kind
mit 14 Jahren religionsmündig wurde. Darunter hat sie viele Jahre
gelitten. Um Ärger mit der Kirche zu vermeiden, einigen sich die Partner
manchmal mit Verdruss auf die katholische Taufe und Mitgliedschaft
späterer Kinder ...
… und riskieren dabei, dass dem Kind später im Religionsunterricht Angst
vor der Hölle gemacht wird.
Das kann auch im evangelischen Religionsunterricht
passieren. Es hängt von den Lehrern ab, ob sie gegenüber den Kindern den
Glauben ihrer Kirche beschönigen oder nicht. Die ewige Verdammnis eines
Großteils der Menschen wird in beiden Kirchen gelehrt.
Geht es dem zukünftigen Ehepaar bei einer kirchlichen Trauung neben der
festlichen Umgebung nicht vor allem um die Einbeziehung von Gott?
Ja. Doch Gott wohnt nicht in einem Haus aus Stein,
wie es bereits in der Bibel heißt.* Wer den Segen Gottes für seine Ehe
möchte, darf folglich nicht in einem Kirchengebäude danach suchen oder
einen Priester oder Pfarrer danach fragen. Jesus hat z. B. nie von
Priestern als Segensspendern gesprochen. Nach den Glaubensvorstellungen
der meisten Religionen ist Gott ja der Schöpfer der Erde und aller
Lebewesen auf ihr. Er hat, wenn man es so sehen will, dann auch das
Himmelszelt erschaffen, während die Kirchengebäude von Menschen gebaut
wurden.
Ein Argument für die Kirche ist in den meisten Fällen das erhabene
Gefühl, sich das Ja-Wort in einem prunkvollen und feierlich geschmückten
Gebäude geben zu können. Wenn wir Ihr Motto "Der Himmel ist unsere
Kuppel" recht verstehen, bieten Sie demgegenüber Trauungen unter freiem
Himmel an.
Unter freiem Himmel ist eine Möglichkeit. Sehr
gute Erfahrungen habe ich z. B. einmal in einem Kurpark gemacht, wo das
Paar sich das Eheversprechen in einem schönen Pavillon gegeben hat.
Andere Paare wählen z.B. einen schmuckvollen Saal oder gar ein Schloss.
Oder eben eine natürliche Umgebung im Freien, wo die Natur selbst den
Ort mit Bäumen, Blumen und Felsen sozusagen "vorgeschmückt" hat. Meist
suchen sich die Partner den Ort selbst aus und organisieren auch
zusammen mit Verwandten und Freunden die Feierlichkeiten. Meine Aufgabe
ist vor allem die Hochzeitszeremonie und feierliche Ansprache.
Selbstverständlich berate ich aber auch bei der Wahl des Ortes. Damit
hier kein Missverständnis entsteht, noch eine grundsätzliche Anmerkung:
Ich möchte niemandem eine kirchliche Trauung ausreden oder dies als die
schlechtere Wahl darstellen. Wer das so will, soll das so halten. Nur
kann man sich natürlich auch einmal fragen: Passt es für uns? Und wenn
nicht, welche Alternativen gibt es? Mein Angebot verstehe ich - ganz
neutral - als eine Alternative, die man genauso prüfen kann wie etwa die
Angebote von kirchlichen Trauungen.
Sie würden also auch eine Trauung in einem Schloss durchführen?
Ja. Das ändert für mich nichts daran, dass
Gott in der ganzen Schöpfung zu Hause ist und der Himmel - symbolisch
gesprochen - die große Kuppel ist, die alles Geschehen hier auf der Erde
umfasst. Es sagt ja keiner, ein Schloss sei das spezielle "Haus Gottes",
wie es die Kirchen zu Unrecht von ihren Gebäuden behaupten, in denen sie
Altäre, "allerheiligste" Bereiche, Tabernakel und vieles mehr
eingerichtet haben. Ich selbst würde zwar einen schlichteren Ort wählen
als ein Schloss, doch vielleicht denkt sich so mancher: Warum nicht
einmal im Leben ins Schloss? Hier muss jeder abwägen. Eines ist klar:
Wir leben in einer Welt großer Gegensätze zwischen Reich und Arm. Viele
Paare sagen sich deshalb auch: Wir möchten am Hochzeitstag nicht nur an
das Gelingen unserer Ehe denken und dafür mit Verwandten und Freunden
zusammen beten. Das wären für uns keine aufrichtigen Gebete. Wir wollen
als Mann und Frau lernen, sowohl füreinander da zu sein, als auch für
andere. Der gute Wille dazu ist bei den meisten da.
Das klingt gut. Doch kann man dann nicht auch sagen: Warum nicht einmal
ein goldener Rolls-Royce wie bei der Hochzeit des Kronprinzen von Brunei
oder vielleicht ein Brautstrauß aus Gold und Diamanten?
Man kann alles tun. Doch so mancher fühlt sich bei
so viel Prunk gar nicht wohl, selbst wenn er sich das eine oder andere
leisten könnte - weil er intuitiv spürt, dass irgendetwas nicht stimmt.
Vielleicht ist der Reichtum nicht ehrlich erworben. Oder man möchte sich
oder seine Umgebung nicht im Übermaß damit schmücken. Außerdem kann auch
das Schlichte und Einfache sehr festlich sein. So lässt sich z. B. ohne
großen Aufwand ein feierlicher Rahmen in der Natur gestalten und man
muss nicht unbedingt viel Geld ausgeben.
Setzen Sie bei der Hochzeitsfeier irgendein religiöses Bekenntnis voraus
oder wenigstens den Glauben an Gott?
Nein. Ich denke manchmal an das Gleichnis vom
Weltgericht in der Bibel, wo Christus sich am Ende der Zeiten bei
einigen Menschen bedankt, die Ihm Essen oder Kleidung gegeben haben oder
Ihm auf eine andere Art geholfen haben.** Diese wunderten sich, weil
ihnen gar nicht bewusst war, dass sie in ihrem Erdenleben für Christus
etwas getan haben. Währenddessen schickte Christus andere von sich weg,
die behauptet hatten, Ihm zeitlebens gedient zu haben und in
Wirklichkeit doch Diener eines Anderen waren.
Herr Potzel, vielen Dank für das Gespräch.
(bh)
* Wer es nachlesen möchte: Z. B. Apostelgeschichte 7, 48-50.
** Matthäus 25
Letzte Änderung auf dieser Seite: 21.6.2010